Buchbesprechung in der Zeitschrift „Grundrisse“ (Wien)

Buchbesprechung von Philippe Kellermann

Die folgende Buchbesprechung erschien in Grundrisse Nr. 36, Winter 2010

Im zweiten Drittel des 19.Jahrhunderts begann sich die sozialistische Bewegung grob um zwei große Transformationsstrategien zu gruppieren. Während die einen, als Repräsentanten lassen sich Marx und Engels anführen, ihren Fokus auf die Bildung von ArbeiterInnenparteien legten und die Aufmerksamkeit auf den parlamentarischen Kampf fokussieren wollten, plädierte eine andere Fraktion, hier lassen sich Hins[1] und Bakunin nennen, für den außerparlamentarischen Kampf anti-staatlich ausgerichteter Gewerkschaften. Diese gegensätzlichen Positionen kommen in zwei Stellungsnahmen Anfang der 1870er Jahre deutlich zum Ausdruck. So heißt es in einer Resolution der von Bakunin unterstützten Romanischen Föderation der Internationale. Der Romanische Kongress empfiehlt „allen Sektionen der internationalen Arbeiterassoziation, auf alle Aktionsformen zu verzichten, die auf die Umgestaltung der Gesellschaft mittels nationaler Reformpolitik abzielen, und ihre gesamte Tätigkeit auf den föderativen Aufbau von Gewerkschaften zu richten, dem einzigen Weg zum Erfolg der sozialen Revolution. Diese Föderation ist die wirkliche Repräsentation der Arbeit und muss unbedingt außerhalb der politischen Regierungen stattfinden“ (zit.n. Eckhardt 2004, 194).[2] Marx und Engels wiederum schrieben auf der Londoner Konferenz der Internationale 1871 – gegen die „Verwirrung“, „welche Bakunin hatte in die Internationale bringen wollen, indem er in deren Programm die Lehre von der vollständigen Enthaltung auf politischem Gebiet einschob“ (MEW 18, 354) – kurzerhand fest, dass „die Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerlässlich“ sei „für den Triumph der sozialen Revolution (MEW 17, 422) und betonten, dass „Arbeiter (…) in die Parlamente“ zu bringen, „gleichbedeutend mit einem Sieg über die Regierungen“ wäre (MEW 17, 651). Zur selben Zeit taucht die Idee des revolutionären Generalstreiks (wieder) auf, den Bakunin prinzipiell befürwortet,[3] während sich Marx gar nicht und Engels nur polemisch hierzu äußert (vgl. MEW 18, 479). Diese Engelssche Polemik ist es nun, die, Rosa Luxemburg zufolge, „für die Stellungnahme der internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden Jahrzehnten maßgebend“ wurde (Luxemburg 1906, 90).[4] Diese Auseinandersetzung vor Augen ist das Urteil Eduard Bernsteins nicht weiter verwunderlich, wenn dieser 1905 meinte, dass jeder „der den Generalstreik in Gegensatz zur parlamentarischen Betätigung“ stellt, beim Anarchismus ankomme (Bernstein zit.n. Döhring 2009, 32). Das Klima in der deutschen Sozialdemokratie war durch den besonderen Status von Marx und Engels, sowie dem Umstand, dass ein revolutionärer Konkurrent (Anarchismus) im Deutschen Reich niemals so richtig Fuß fassen konnte, deshalb auch besonders zurückhaltend gegenüber der Vorstellung revolutionärer und parteiunabhängiger Gewerkschaftsarbeit.[5] Dass es aber auch in Deutschland diese Stimmen gab und dass diese durchaus im Zentrum vieler Debatten innerhalb der sozialistischen Bewegung in Deutschland standen, versucht Helge Döhring, der „Haushistoriker“ der deutschen Anarcho-SyndikalistInnen (Direkte Aktion) herauszuarbeiten. Döhring sieht sich dabei zuallererst mit dem Problem konfrontiert, dass die „Theorie und Aufarbeitung von Streiks“ vor allem bei den sozialdemokratischen und kommunistischen Organisationen“ lag, während die „syndikalistischen Beiträge (…) meist verschütt in den Archiven“ lagen (7).[6] In seinem einleitenden Text, der knapp fünfzig Seiten umfasst, rekonstruiert Döhring die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Sozialdemokratie und innerhalb der Gewerkschaften. Herausgearbeitet wird, dass sich bei allen Differenzen letztlich alle Fraktionen der Sozialdemokratie (von den „Zentristen“ um Kautsky bis hin zu den „Linken“ um Luxemburg) gegen die lokalistischen Gewerkschaften wandten, die – im Gegensatz zu den Zentralgewerkschaften – eine „Organisierung in schlagkräftigen kleinen Basiseinheiten“ anstrebten, „die keiner zentralen Führung unterstehen durften“ (21).[7] Gerade der Kampf von Partei und Zentralgewerkschaften gegen die zuerst „Lokalisten“ genannte Strömung, aus der die SyndikalistInnen und später die Anarcho-SyndikalistInnen hervorgingen, zeige, so die These Döhrings, dass all das, was zum Desaster von 1914 führen sollte, einen viel tieferen, weit vor 1914 liegenden Ursprung habe. So meint Döhring z.B. dass in Bebels Polemik gegen das Ausrufen eines Streiks im Vorfeld eines drohenden Krieges (1906) „bereits theoretisch die Kapitulation der Sozialdemokratie vor den beiden Weltkriegen, wie auch vor Hitlerdiktatur vorweggenommen“ worden sei (39). Worum es Döhring des weiteren geht ist es deutlich zu machen, dass mit dem Ignorieren der „Lokalisten“ in der Geschichtsschreibung „von einer grundsätzlichen Alternative zur gesamten sozialdemokratischen Politik abgelenkt“ werde. Nur so könne der „Mythos“, wonach die Sozialdemokratie erst 1914 „reaktionär“ geworden sei, vertreten werden. Ebenso könne auch nur so der „Mythos“ erhalten werden, dass „die Parteilinke um Rosa Luxemburg die einzige konsequente kriegsgegnerische Kraft ab 1914“ dargestellt hätte, während doch „die lokalorganisierten Gewerkschaftler (…) die erste und zunächst einzige Bewegung konsequenter Kriegsgegner“ gewesen war (11).

Nicht nur, aber gerade als Einführung zur Orientierung ist Döhrings Text durchaus informativ. Aber auch wenn ich gegen den Text Döhrings keine grundsätzlichen Einwände geltend machen kann, scheint mir das Herausarbeiten der unterschiedlichen Positionen zumindest teilweise zu ungenau und hätte eine etwas ausführlichere Darstellung verdient. Im Übrigen müsste man aus anarchistischer Perspektive auch der Frage nachgehen, wie es dazu kommen konnte, dass auch AnarchistInnen wie Kropotkin oder Teile der französischen SyndikalistInnen sich im Ersten Weltkrieg nicht antimilitaristisch verhalten haben. Da es die fehlende revolutionäre Bereitschaft wohl nicht sein kann, verweist dieser Umstand darauf, dass das jeweilige Verhalten im Ersten Weltkrieg durchaus komplexer erklärt werden muss, auch wenn im Fall der deutschen Sozialdemokratie Döhrings These durchaus zutreffen mag. Besonderes Interesse verdient das vorliegende Buch aber auch nicht aufgrund des einleitenden Textes, sondern aufgrund der zwei langen Texte von Arnold Roller (Der soziale Generalstreik, 1905) und Raphael Friedeberg (Parlamentarismus und Generalstreik, 1904), die im Anhang veröffentlicht sind und zusammen mehr Platz einnehmen, als Döhrings Text. Durch diese bekommt der Leser/die Leserin wirklich eine Vorstellung des Facettenreichtums der sozialistischen Bewegung und kann sich daran erfreuen, auf welch hohem Niveau strategische Überlegungen Anfang des 20.Jahrhunderts angestellt wurden. Man kann dort auch einen „Geist“ kennenlernen oder wiederentdecken, vor dessen Hintergrund erst richtig deutlich wird, welch gravierendes Unglück der etatistische Sozialismus für die sozialistische Bewegung gewesen ist. In diesem Sinn noch ein Zitat aus einer Resolution der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVdG), dem Dachverband der lokalistischen Gewerkschaften, aus dem Jahre 1904: „Die wahre Macht des Proletariats beruht auf der möglichst großen Zahl völlig freier, vom Geist des Klassenkampfes durchdrungener Persönlichkeiten, wie sie niemals der auf einem Vertretersystem beruhenden Parlamentarismus, wohl aber eine vom Geist des Sozialismus getragene Gewerkschaftsbewegung herausbilden kann. Geistige und sittliche Entwicklung der Einzelpersönlichkeit, selbständige Organisation der Konsumtion und wenn möglich, der Produktion, Massenaktionen mit voller Verantwortlichkeit jedes Einzelnen – Streiks, Maifeier, Boykott – das sind die Vorbedingungen der endgültigen Befreiung des Proletariats. Diese Befreiung selbst, die Aufhebung der Klassenherrschaft wird erfolgen durch den Generalstreik. Nicht durch eine Revolution, nicht im Wege des Blutvergießens und der Gewalt, sondern durch ein ethisches Kampfmittel, durch die Verweigerung der Persönlichkeit, die, in weitem Umfange durchgeführt, das Proletariat aus der Produktion ausschaltet und dadurch die ökonomische Herrschaft der Kapitalistenklasse und ihr Instrument, den Staat, beseitigt.“ (28f.) Vergleicht man diese Ausführungen mit Engels’ Einleitung zu Marx’ Klassenkämpfen in Frankreich, wo dieser, von der Diagnose ausgehend, dass die „Rebellion des alten Stils, der Straßenkampf mit Barrikaden“ veraltet sei (MEW 7, 520), den Schluss zieht, dass nun „[l]angsame Arbeit der Propaganda und parlamentarische Tätigkeit“ auf der Tagesordnung stehen würden (MEW 7, 524), haben wir erneut fast genau jene zwei entgegen gesetzten Positionen vor uns, die zu Beginn skizziert wurden. Erstaunlich aber ist, dass Engels in diesem Text die Konsequenzen der eigenen Strategie (ungewollt) deutlich beschrieben hat. So prognostiziert er den baldigen Sieg der Arbeiterbewegung, indem er ihre Situation analog dem Aufstieg des Christentums versteht: „Da rächte sich dieser [der römische Kaiser gegen die Aufsässigkeit der Christen] durch die große Christenverfolgung des Jahres 303 unserer Zeitrechnung [Engels analogisiert dies mit dem Sozialistengesetz]. Sie war die letzte ihrer Art. Und sie war so wirksam, dass siebzehn Jahre später die Armee überwiegend aus Christen bestand und der nächstfolgende Selbstherrscher des gesamten Römerreichs, Konstantin (…) das Christentum proklamierte als Staatsreligion.“ (MEW 7, 527) Lassen wir dahingestellt, ob Engels tatsächlich davon ausging, dass Bismarck oder Kaiser Wilhelm unter dem Druck einer von Sozialdemokraten unterwanderten Armee notgedrungen den Sozialismus ausrufen würden, und bemerken nur das wesentlichste: das nämlich Engels an dieser Stelle mit keinem Wort die eigentliche Frage berührt, ob durch die Etablierung des Christentums als Staatsreligion nicht gerade der ursprünglich subversive Charakter des Christentums sich in sein Gegenteil verkehrte und damit eine langjährige Geschichte der Unterdrückung im Namen eines herrschaftsförmigen Christentums einläutete. Ob die von Döhring (und auch von mir) stark gemachte Tradition der sozialistischen Bewegung demgegenüber die Lösung bietet, ist selbstverständlich fraglich, aber dass diese Tradition von Beginn der sozialistischen Bewegung an existierte und auf die Gefahren jenes neuen Christentums hinwies, darf in Erinnerung gerufen werden.

Literatur

Bakunin, Michael (1869): ‚Organisation und Generalstreik.’ In. Ders. Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften. Frankfurt am Main/Berlin/Wien, 1972. S.139-141.

Bakunin, Michael (1873): Staatlichkeit und Anarchie. Berlin, 2007.

Eckhardt, Wolfgang (2004): Michael Bakunin. Ausgewählte Schriften. Band 5. Konflikt mit Marx. Teil 1: Texte und Briefe bis 1870. Berlin.

Figes, Orlando (2001): Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924. München.

Luxemburg, Rosa (1906): ‚Massenstreik, Partei und Gewerkschaften.’ In. Dies. Schriften zur Spontaneität. Reinbek, 1970. S.89-161.

MEW: Marx-Engels-Werke. Berlin, 1956ff.

Rocker, Rudolf (1924): Johann Most. Das Leben eines Rebellen. Berlin/Köln, 1994.

Rocker, Rudolf (1937): Anarcho-Syndikalismus. (www.syndikalismus.tk)

Fußnoten

[1] Eugène Hins ist eine leider vergessene, aber allem Anschein nach hoch interessante Figur der sozialistischen Arbeiterbewegung gewesen und war Mitglied der Belgischen Föderation. Als einer der wichtigsten Theoretiker im Umkreis der Internationale, war er einer der zentralen Stimmen auf ihren Kongressen – für Marx allerdings nur ein „Faselhans“ (MEW 33, 129). Rudolf Rocker zufolge war es eben dieser Hins, der den Rätegedanken auf dem Basler Kongress der Internationale (1869) in die Diskussion einbrachte (vgl. Rocker 1937, 41f.). Der ebenfalls u.a. von Hins eingebrachte Vorschlag auf dem Brüsseler Kongress der Internationale, im Falle eines ausbrechenden Krieges zum Generalstreik aufzurufen, bezeichnete Marx kurzerhand als „belgischen Blödsinn“ (MEW 32, 151).

[2] Bakunin selbst schreibt in Staatlichkeit und Anarchie, dass die „Volksmassen die Freiheit (…) mit Gewalt erobern“ müssen, „wozu sie ihre elementaren Kräfte außerhalb des Staates und gegen ihn organisieren müssen“ (1873, 329).

[3] Bakunin schreibt in einem Artikel in der Égalité: „Wenn die Streiks sich ausdehnen, in immer kürzerer Zeit wieder auftreten, so deshalb, weil sie nahe daran sind, zum Generalstreik zu werden, und ein Generalstreik kann heute mit den freiheitlichen Ideen, die im Proletariat herrschen, nur auf einen Zusammenbruch hinauslaufen, der die ganze Gesellschaft erneuern würde. Zweifellos sind wir noch nicht an diesem Punkte angelangt, aber alles führt zu ihm hin.“ (Bakunin 1869, 140)

[4] Luxemburg war mit der Engelsschen Polemik grundsätzlich einverstanden, sprach gar davon, dass sie „ein Vierteljahrhundert lang der modernen Arbeiterbewegung ausgezeichnete Dienste leistete, als logische Waffe wider die anarchistischen Hirngespinste“. Wenn auch die russische Revolution von 1905 zu einer „Revision“ nötige, bedeute dies freilich nicht, dass Marx’ und Engels’ „an dem Anarchismus geübte Kritik falsch war“. Im Gegenteil: Die „erste geschichtliche Probe auf das Exempel des Massenstreiks“ in Russland „bedeutet nicht bloß keine Ehrenrettung für den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine geschichtliche Liquidation des Anarchismus“. (Luxemburg 1906, 90) Ist das Dialektik oder einfach nur bizarr?

[5] Die Situation für AnarchistInnen im Deutschen Reich Ende des 19.Jahrhundert beschreibt Rudolf Rocker (aus anarchistischer Perspektive) eindrucksvoll in seiner Biographie des „ewigen Rebellen“ Johann Most (vgl. Rocker 1924).

[6] Die folgenden Seitenangaben beziehen sich – soweit nicht anders vermerkt – auf das Buch von Döhring.

[7] Es ist ein höchst interessantes Phänomen, dass sich gerade die „Linke“ innerhalb der Sozialdemokratie, bzw. des organisierten Marxismus oftmals dazu berufen fühlte, besonders vehement gegen Kritik von links aufzutreten. Döhring erwähnt Clara Zetkin, die Bebel den Vorwurf machte, sich einer zu großen Toleranz gegenüber den anarchistischen Tendenzen schuldig gemacht zu haben (32). Ähnliches – mit allerdings blutigen Konsequenzen – zeigt das Verhalten vieler Mitglieder der Gruppe der Arbeiteropposition während des Kronstädter Aufstandes (1921): „Am 10. März meldeten sich 300 Delegierte beim X.Parteikongress [der Bolschewiki] als Freiwillige an der Kronstädter Front (…). Unter den ersten, die vortraten, waren Mitglieder der Arbeiteropposition [die vom gleichen Kongress durch das „Verbot des Fraktionalismus“ zerschlagen wurden], die unbedingt ihre Loyalität beweisen wollten.“ (Figes 2001, 809)

[8] Die Tabelle ist an das Schema in Döhring (52) angelehnt. (Anmerkung: Die Tabelle konnte aufgrund technischer Schwierigkeiten hier nicht eingefügt werden. Sie findet sich auf der Seite von Grundrisse).

Diese Buchbesprechung erschien bei Grundrisse: http://www.grundrisse.net/buchbesprechungen/helge_doehring.htm